So oder so ähnlich drückte sich die Tierärztin aus als ich nach zwei Wochen Wundpflege verunsichert und etwas entkräftet nachfragte, ob das alles Sinn macht.

„… aber ich denke diese Entscheidung wollen wir jetzt nicht treffen. Also machen wir weiter und kümmern uns um die aktuellen Baustellen“.
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Heilung ist kein Spaziergang.

Es ist wirklich herausfordernd: Kontrollieren, nicht resignieren, Lymphdrainage, gut zureden, säubern, Leukase-Kegel in die Wunde einführen, Antibiotikum spritzen, Verbinden, Alternative ergänzende Heilmethoden überlegt. Neben der Schulmedizin kamen nun noch Blutegel zum Einsatz. DIE haben tolle Arbeit geleistet.
Und weil keine Heilung ohne passendes Ambiente funktioniert: Immer wieder andere Beistellpferde, damit der Kopf beschäftigt bleibt trotz Boxenarrest, die Stute sich nicht einsam fühlt und die Herde kennenlernt.

Nach 14 Tagen war der Tiefpunkt erreicht. Alles sah ganz gut aus. Die Stute durfte ein paar Meter raus. Ergebnis: Sie stellte den Fuss gar nicht mehr ab. Über Stunden.
Was jetzt? Ist doch mehr kaputt als wir wissen? Und jeder hat eine Idee, eine Meinung. Das Thema ist aber so komplex, dass eine einfache Beurteilung gar nicht möglich war. Abgesehen von der Verletzung der Hauptschlagader war alles im Bein futsch. Das wenige Fett, Bindegewebe – alles zerstört. Ob die Sehne was abbekommen hat? Keine Ahnung, aber da es die gleiche Vorgehensweise bedeutet hätte – abwarten und hoffen. Ein Eiterherd hatte sich auch entwickelt, trotz Antibiose. Keine Ahnung was für einer. Bis jetzt nicht. Die BU hat uns leider auch nicht weiterhelfen können. Anaerobe Keime – mittlerweile weiss ich, das kommt oft bei Verletzungen dieser Art am Hinterbein vor. Die Bakterien lieben die Bedingungen. Was bedeutet das? Das Antibiotikum wechseln, denn die Bakterien hatten noch nicht richtig auf den Kopf bekommen. Blöde Bakterien.

Und dann geht es mit einem mal ganz schnell.

Das Antibiotikum hat angeschlagen. Die Blutegel haben einen richtigen Pusch gegeben. Nach weiteren 14 Tagen steht die Stute ENDLICH auf der Wiese. Mit einem Partner. Was ein Glück! Und sie läuft. Im Trab und Galopp sogar besser als im Schritt. Vermutlich wird jemand der nichts weiss gar nicht erkennen, dass vor einem Monat fast alles zu spät gewesen wäre. Trotzdem: den Eiter haben wir noch nicht weg und die Wunde ist noch nicht zu. Aber ab heute bleibt sie wieder draussen. Hoffen wir das Wetter spielt noch lange mit.

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Wofür es gut war?

Ich glaube diese Frage stellt sich jeder. Warum musste das passieren? Auch hier wieder: Keine Ahnung. Aber wir haben nun eine enge Beziehung aufgebaut. Sie geht lieb am durchhängenden Strick, hört zu, folgt und kommt freudig auf uns zu. Und gelernt habe ich auch eine Menge: sich für einen Tierarzt zu entscheiden und zu vertrauen. Auch in das Schicksal, nicht zu viel zu grübeln und weiter zu machen. Einfach weitermachen.

Die Fähigkeiten in Sachen Pflege konnten wir auch enorm verbesseren. Dinge wie …

… Verbände blind anlegen
… das Erscheinungsbild von Eiter zu deuten
… Blut sehen können. Denn wildes Fleisch blutet, wenn man dran kommt (ist aber unkritisch)
… Leukase-Kegel in eiternde Wunde einzuführen (hilft örtlich gegen Keime)
… Spritzen in den Muskel zu geben
(Tipp: vorher nicht desinfizieren, danach nicht massieren. Warum? Damit kann man erst Recht Dreck in die Wunde bringen.Desinfizieren sollte man nur in steriler Umgebung – angefangen beim rasieren um die Einstichstelle)
… das Wunden mit Fäden möglichst trocken gehalten werden sollten (also auch keine Salben auftragen, weil sonst die Wundränder aufweichen können)
… irgendwann der Verband abbleiben sollte, damit sich kein wildes Fleisch (durch Reibung) bildet.

Das war bestimmt nicht alles. Es war echt intensiv. DANKE allen die mitgeholfen haben!

Ich bin jetzt guter Dinge und ich freue mich auf winterliche Spaziergänge neben und zu Pferd. 

 

Sandra Tacke

Sandra Tacke – die Frau hinter Beverlyholl.com.
Ein neuer Blog – zum schönen Leben! Kinder, Pferde, Quilten … und was uns sonst noch einfällt oder zufällt.